Chronik

 

So hingen die Motive für die damals entdeckte, neue Art von Bewegung solistisch, aber auch in Gruppen, in Gemeinschaften also, geradezu wie reife Früchte an den Bäumen, war der Weg geebnet für einen weiteren Turnverein in Seligenstadt - sollte man meinen.
Gerne hätte nun der Chronist darüber berichtet, wie innerlich bewegt, wie erfüllt und beseelt allein von Turnidealen die 44 Gründer an jenem ersten Augustsamstag anno 1895 waren, als sie dem Ruf in den "Schwanen" gefolgt waren. Doch nicht die Ideen des Turnvaters Jahn trieb sie zunächst dorthin, sondern vielmehr ein Seligenstädter namens Johann Giwitz, dessen Ehrgeiz wesentlich gekränkt war, weil man ihm einen entscheidenden Punkt zum Sieg in einem Leistungskampf verweigert hatte.

Voller verständlichem Zorn kehrte er deshalb der Turngemeinde von 1848 Seligenstadt den Rücken, bestärkt von Peter Marzellin Stadler und Matthias Weih. Auf diese Weise bekam die Turngemeinde von 1848 über Nacht eine jüngere Schwester, bei deren Geburt allerdings viele Gleichgesinnte dabei waren (Ähnliches geschah übrigens auch in so mancher Gemeinde bei den Gesangvereinen, die plötzlich lokale Konkurrenz erhielten).

Denn wie gesagt, die Tendenz zum gemeinschaftlichen Zusammenschluss war in den Menschen der damaligen Zeit ausgeprägt, während sie egoistisches Streben (noch) nicht kannten.

Deswegen sollte ihr Drang zu Gemeinsamkeiten nicht mit Notgemeinschaften in späteren Diktaturen verwechselt werden. Noch fegten Fernsehkrimis die Menschen nicht von den Strassen, trieb sie nicht aus Gaststätten oder anderen Versammlungs- und Begegnungsorten, wurde auf der Mattscheibe nicht vorgeführt, was angeblich erstrebenswert im menschlichen Leben sei. 

Insofern galten die Ideale der turnerischen Bewegung von Anfang der Gründung an auch für die Aktiven und die Mitgliedschaft der Turngesellschaft Seligenstadt. Wobei die Geselligkeit nicht zu kurz kam. Gleich nach der Gründung wurde die Geborgenheit der großen Vereinsfamilie gesucht.

 

Dafür waren die Menschen auch bereit, nennenswerte Opfer zu bringen. Am 10. August 1895 zahlten bereits 60 Mitglieder die Eintrittsgebühr von damals sage und schreibe einer Mark und hatten nun regelmäßig wöchentlich zehn Pfennige zu entrichten: Das war eigentlich schon die Zeche eines ganzen Abends, ein Opfergeist also, der sich dankenswerterweise bis heute in der Turngesellschaft erhalten hat.

Und weiter musste der Rubel rollen. Turngeräte wurden gekauft, es wurde für 155,46 Mark eine Gerätehalle erbaut und es entwickelten die Verantwortlichen aber auch gesunden Geschäftssinn bei der Geldbeschaffung: Zigarren wurden en Gros gekauft und an die Mitglieder verkauft - Sport und Nikotin ergänzten sich wenigstens auf diese, wenn auch ungesunde Weise.

Gründungspräsident war Christoph Geißler, ihm folgte bereits nach wenigen Monaten Valentin Kirschbaum und nach ihm Adam Burkart. Auch damals schon hatte die Vereinsführung immer ein offenes Ohr für die Anliegen der TGS-Mitglieder: Es wurde ein Kummerkasten eingerichtet für Kritik, Vorschläge und Lob, nach denen sich die Vereinsführung orientieren konnte.

Das Allerwichtigste: Es entwickelte sich ein reger Turnbetrieb und immer öfter mussten die Pferde vor den Wagen gespannt werden - in Ermangelung von Fahrrädern, Eisenbahnen und anderen Transportmitteln, um zu Turnfesten in der Nachbarschaft zu gelangen. Denn anders ging es nicht, wenn man nicht, wenn man nicht zu Fuß laufen wollte. Die ersten Siege und Preise wurden errungen.

Es waren stets lustige Fahrten, die an Unterhaltungswert gewannen, als der TGS-Spielmannszug aus der Taufe gehoben wurde und es fortan mit Trommeln und Pfeifen auf dem eigenen Vereinsplatz oder auf den Turnertrip ging. Groß-Welzheim erlebte 1896 den ersten Auftritt der TGS-Musiker außerhalb der Seligenstädter Stadtmauern.

Apropos Unterhaltung: Für Kurzweil mit Theaterabenden und ähnlichen gesellschaftlichen Veranstaltungen wurde reichlich gesorgt. Das beweist unter anderem der Programmzettel für eine "Theatralische Abendunterhaltung" vom 1. Januar 1907. Mit Gesang des Männerchores der bereits im Jahr 1900 gegründeten und bis Ende der dreißiger Jahre aktiven Gesangsriege, mit Solistinnen, vor allem aber auch mit Possen und ganzen Theaterstücken wie "Die schwarze Afra" oder "Zu dumm um zu feiern" ging es in das neue Jahr und anschließend wurde eifrig das Tanzbein geschwungen. Rauchen war schon damals "höflich verbeten". Das Ganze fand bereits im Saal des "Riesen statt". Es ging übrigens bis 3 Uhr in der Frühe.

Hinzu gesellten sich Fastnachtsfeiern, richtige Karnevalsumzüge gleich nach der Jahrhundertwende, mit Maskenbällen und närrischen Sitzungen.

Aber der ganz große Höhepunkt in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg war natürlich das Gauturnfest vom 4. bis 6. Juli 1903. Die Erinnerung daran sollte noch bis heute lebendig sein, nicht nur, weil der damalige Ehrenturnwart Johann Giwitz eine neue Fahne schwang. Übrigens eine heraldische Meisterleistung zum sündhaft teuren Preis von 540 Goldmark, vermerkt die Chronik. Die Fahne wurde in den Kriegswirren 1945 gestohlen und stark lädiert auf einem Müllplatz in Württemberg wiedergefunden: Von den Vereinsfrauen restauriert wurde sie 1970 wieder geweiht.

Seligenstadt erlebte ein glanzvolles Turnfest auf den Mainwiesen, jeder zweite Seligenstädter war dort zu finden, denn über 2100 Eintrittskarten bei damals 4000 Einwohnern wurden verkauft - die TGS hatte sich längst einen hervorragenden Platz in der Öffentlichkeit der alten Einhardstadt erobert.

Doch es fiel ein eisiger, besser: ein feuriger Reif in die laue Sommernacht: In der letzten Nacht des Festes brannte es in der Altstadt lichterloh - die bevorstehende Bürgermeisterwahl hatte damals wohl die Gemüter der Einwohner derart erregt, dass eine der Parteien, wird behauptet, aus Wut den "Roten Hahn" auf die Dächer gesetzt habe. Der riesigen Feuersbrunst fiel ein ganzer Straßenzug zum Opfer.

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