Chronik

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Damals schrieb sich einer der eifrigsten Turner in die TGS-Geschichte ein: Franz Kronenberger, jahrzehntelanger Träger der Vereinsfahne. Es waren erfolgreiche turnerische Zeiten. Sogar eine Damenriege wurde gebildet - in einer Epoche, da diese Art von aktiver Betätigung der Weiblichkeit außerhalb von Küche, Keller und Kinderstube vor allem von maskuliner Seite gar nicht gern gesehen wurde. Inzwischen war der Verein auf 250 Mitglieder angewachsen, richtete ein glanzvolles Gauturnfest aus, bei dem Fritz Brauneis, Erster Turnwart, den zweiten Platz als erfolgreichster Seligenstädter holte.

Das Wachsen und Werden des Vereins hielt unvermindert an. Eine Fuß- und eine Faustballabteilung wurden gegründet, allerlei Ballspiele wurden gepflegt. Doch das Unheil in der Welt nahm seinen Lauf. Bei der letzten Vereinsversammlung vor dem ersten Weltkrieg, am 3. August 1914, hatten 86 Mitglieder bereits den Einberufungsbefehl in der Tasche. 40 davon, jeder zweite also, kehrten nicht mehr zurück, "sind auf dem Feld der Ehre gefallen".

Ein hoher Preis dafür, dass "die ganz oben" einen Krieg begonnen hatten, wobei die Schuld daran wohl nicht nur dem "säbelrasselnden deutschen Kaiser Wilhelm" angelastet werden darf - den Engländern gefiel die wachsende deutsche See- und Kolonialmacht nicht, einschließlich dieses von den Briten verlangte "Made in Germany", das deutsche Waren erst richtig wertvoll machte. Die Franzosen suchten die Revanche für 70/71, der russische Zar sah in einem Krieg die willkommene Gelegenheit, von seinen innerpolitischen Schwierigkeiten abzulenken.

Die Folgen des verheerenden Krieges aber hatten die kleinen Leute zu bezahlen. Durch furchtbarer Schlachten wurde die Jugend der Völker dahingerafft. Und "ganz unten", bei der Turngesellschaft Seligenstadt, kam das Vereinsleben zum Erliegen. Der Sturz aus allen Träumen war so tief, dass 1919 sogar daran gedacht wurde, den Verein aufzulösen.

Doch tatkräftige Männer wie Anton Hain, Karl Funk, Johann Giwitz, wie auch Balthasar Winkler, Franz Schreiner, Max Beike, Jean Brauneis, Paul Friedmann, Josef Schreiner, Josef Rühl, Josef Biegel, Karl Krauß Michael Pfeil, Karl Spahn, Fritz Spahn, Franz Millitzer und andere, erwiesen sich als nimmermüde Motoren für den Fortbestand der TGS.

Die TGS blieb, wuchs, vergrößerte sich durch die Vereinigung mit dem Sportverein. Nun wurde auch geregelt Fußballgespielt, wurden 228 Mitglieder und 19 Jugendliche gezählt. Zwei Jahre nach dem Ende des furchtbaren Krieges war die TGS wie Phönix aus der Asche wieder auferstanden, feierte sie im August 1920 ihren 25. Geburtstag. 

Ein großes Ziel wurde angesteuert:

Ein eigenes Übungsgelände zu besitzen, nebst Unterkunft für Übung und Versammlung. In langwierigen, zähen Verhandlungen mit der Stadt konnte schließlich ein Teil des heutigen Geländes an der Graben- und Jahnstrasse erworben werden.

Bis dahin hatte das sportlerisch-turnerische Leben weitgehend auf fremdem Platz stattgefunden, gab es deswegen bereits damals Unstimmigkeiten mit anderen Vereinen was die Nutzung des "Riesen-Saales" anbetrifft.

Auch heute noch wetterleuchtet es in Seligenstadt gelegentlich etwas, seitdem die Fastnachtsabteilung ihre Narrensitzungen in den für alle offenstehenden "Riesen-Saal" verlegt hat, statt in der eigenen Großsporthalle zu bleiben, wo der umfangreiche Sportbetrieb stets für längere Zeit des Karnevals wegen in der Kampagne zum Erliegen kam.

1924 wurde der neue Turnplatz feierlich eingeweiht und am 28. Juni 1926 wurde schließlich die erste Vereinsturnhalle ihrer Bestimmung übergeben.

Ebenso wurde im selben Jahr das 25-jährige Jubiläum der durch die Initiative von Vincenz Link gegründeten Sangesabteilung gefeiert. Doch schon zuvor gab es große Erfolge:

Erster Präsident Fritz Brauneis kam im Juli 1923 vom Deutschen Turnfest in München als Turnfestsieger zurück. Und im Gegensatz zu heute prangte Seligenstadt damals im Fahnenschmuck ob der Erfolge ihrer Turner, die inzwischen nicht kleiner, aber "anonymer" geworden sind.

Vom Gauturnfest in Bergen kehrten 34 Seligenstädter als Sieger heim, in Hanau gab es sogar mehr als 40 erfolgreiche Teilnehmer aus der Einhardstadt. Doch das war nur der Anfang nach dem Wiederbeginn. Fritz Brauneis als Vorsitzender und Oberturnwart Robert Baer stellten die Weichen für den TGS-Express auf Erfolg. Fritz Kreis und Josef Winkler waren Sieger beim Deutschen Turnfest in Köln und es gesellten sich Hermann Beike und Valentin Spielmann zu den Erfolgreichen wie Fritz Beike und Valentin Voigt. Die Turngesellschaft wuchs unaufhaltsam weiter. 1928 wurde die Handballabteilung gegründet und die TGSler feierten die Einweihung der eigenen Kegelbahn. Im fertiggestellten Erweiterungsbau der Turnhalle wurde der Wirtschaftsbetrieb eröffnet. Der Name Jean Bodensohn sollte nicht unerwähnt bleiben, wenn von den beschwingten zwanziger Jahren der TGS die Rede ist. Mit Theateraufführungen, ganzen Operetten, Konzerten und dergleichen verdiente er sich viel Lob. Trotz gerade erfolgter Inflation, angespannter Wirtschaftslage mit einem Heer von Arbeitslosen verlor die TGS niemals den Blick nach vorn.

Allerdings wurde dieser Blick immer mehr eingeschränkt. der wachsende Einfluss der braunen Herrschaft in Deutschland war deutlich zu verspüren. Von 1933 an wurde bevormundet, gleichgeschaltet, mussten erhebliche Schwierigkeiten in Kauf genommen werden. Und es waren in erster Linie die älteren Turner, die den ideellen Gedanken frei nach Jahn verteidigten. Von den jüngeren waren kaum noch Mitglieder da - mehr als 80 von ihnen blieben tot auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges liegen. Wäre noch zu bemerken, dass Fritz Brauneis nach zweieinhalb Jahrzehnten sein Amt als Erster Vorsitzender an Fritz Sommer weitergab und zum Ehrenpräsidenten gewählt wurde.

"Wer hat dich, du schöner deutscher Wald, abgeholzt zu Fragebogen", spöttelten die Kabarettisten, als sie den Mund mir Erlaubnis der Alliierten Militärregierung und nach deren großangelegten Entnazifizierung einigermaßen wieder aufmachen durften. Ganz nebenbei die ketzerische Frage: Was wäre eigentlich passiert, wenn die TGS schon damals "American Football" als Abteilung hätte vorweisen können wie sie das 1991 konnte? In Verkennung der tatsächlichen deutschen Vereinsverhältnisse untersagten die Amerikaner zunächst alles, was nach Sport und dergleichen aussah, verboten sie die einschlägigen Vereine. Dann wurde für 10.000 Einwohner eine einzige Sportgemeinschaft zugelassen.

Geradezu naiv gingen die "Amis" mit der großen Tradition um, obwohl diese unter der Devise stand, nicht nur "frisch,  fromm, fröhlich und frei", sondern auch "friedlich und freiheitlich-demokratisch" zu sein. Denn 50 Jahre lang hatte die TGS ihre "Regierung" stets nach parlamentarischem Brauch gewählt, durfte jedes Mitglied frei und offen mitreden bei der Vereinspolitik. Im Februar 1946 entstand, wie erwähnt, eine Gemeinschaft aller Sportvereine, der vernünftigerweise, wie es der Chronist zum 75-jährigen Jubiläum, Dr. Hans Wurzel, ausgedrückt hat, "zwangsläufig zugestimmt wurde, um überhaupt wieder einen Sportbetrieb entfalten zu können".

1948 trennten sich als letzte Partner dieser unter dem Sternenbanner veranlassten Zwangsehe die Sportvereinigung und die Turngesellschaft in gutem, freundschaftlichem Einvernehmen. Es begann wieder der vereinseigene Sportbetrieb, wobei der Hunger oft der ständige Begleiter der Aktiven war. Jüngere Kräfte hatten inzwischen das Ruder des Vereinsschiffes übernommen: Franz Schreiner, zuvor schon zwanzig Jahre lang Rechner, Josef Anton Schreiner, Thomas Link, Fritz Sommer, Seppl Hardt, Max Beike, Adolf Thoma, Fritz Beike, Martin Mock, Hans Groh, Heinz Scherer, Hans Schreiner, Ferdinand Schreiner und Josef Schreiner als Turnwart und Spielmann.

Schon 1949 hatten die Aktiven der TGS wieder Siege im Abonnement errungen. 1949 waren es immerhin 75 qualifizierte Erfolge auf den verschiedenen Meisterschaftsebenen vom Kreis über den Bezirk bis hin zu Deutschen- und Landesmeisterschaften. Die Namen von Renata Schwarzkopf, Ludwig Bungert, Alfred Groh, Bruno Kimmel, Rudi Kronenberger, Manfred Hanika und Herbert Wurzel mögen hier stellvertretend für viele stehen.

Wer zählt die TGS-Siege, wer nennt alle Namen? 1957 gab es beispielsweise 80 erste, 69 zweite und 68 dritte Siege, darunter auch die zum Verein zurückgekehrte Deutsche Meisterin Renata Schwarzkopf, die den ersten Feldbergsieg für die TGS-Farben errang. Gymnastik, Leichtathletik, Tischtennis und Turnen waren inzwischen zu stark frequentierten Abteilungen des Vereins geworden, die vor allem jüngere Mitglieder anzogen. Doch auch eine Reihe von Problemen wirtschaftlicher und finanzieller Art brachten sie mit sich.

 

1960 wurde das Vereinsgebäude um einen Seitenanbau erweitert und zwei Wohnungen gebaut. 1962 wurde der neue Wirtschaftsbetrieb seiner Bestimmung übergeben. Die sechziger Jahre zählen bisher zu den erfolgreichsten der Vereinsgeschichte. Als Nachfolger des frühzeitig Verstorbenen Vorsitzenden Joachim Laube kam Erich Wurzel. Er sollte dem Vereinsleben der TGS neue Dimensionen eröffnen. Als er am Aschermittwoch des Jahres 1978 an seinem 50. Geburtstag starb, stand bereits die vorwiegend von ihm seit 1974 initiierte, neue Großsporthalle. 
Damals hatte die TGS bereits über 1000 Mitglieder und näherte sich langsam der 2000er-Marke.

Weitere Eckdaten der Vereinsgeschichte: 1974 richtete das Musikcorps der TGS das hessische Landestreffen der Turnermusiker aus, wurde die Handball-Abteilung neu gegründet, kamen die Abteilungen Basketball und Trampolin hinzu. 1979 nahm das TGS-Musikcorps an der Steuben-Parade in New York teil.

Die TGS-Expansion ging weiter mit Abteilungen, die inzwischen große Bedeutung erlangt haben, wie zum Beispiel der Amateur-Tanzsport, der Er & Sie Lauftreff. So gehörten der TGS nun bereits 1340 Mitglieder an.

Seit 1975 ist Reinhard Krauß der Erste Vereinsvorsitzende, also schon über 25 Jahre im Amt. Er darf für sich in Anspruch nehmen, die Probleme der TGS in seiner fast stillen, lautlosen Art zu lösen. Über all die Jahre begleiteten ihn junge, dynamische Vorstandsmitglieder wie Friedel Krauß, Heinrich Schlottner, Heribert Kühn, Hubert Hofmann und Klaus Fey, die auf Rat und Tat des Mitstreiters und heutigen Ehrenmitgliedes Ferdinand Schreiner jederzeit zurückgreifen konnten.

Ebenfalls seit mehr als 25 Jahren vermag Gerhard Beike als 2. Vorsitzender des sportlichen Bereiches immer mit zeitnahen Ideen, Impulsen und Aktivitäten aufzuwarten. Auch nicht selbstverständlich ist das Engagement der langjährigen Vorstandsmitglieder Karin Rosendahl, Günther Winkler und seit 1993 Uschi Pardon.

Hundert Jahre TGS, das sind 100 erfolgreiche Jahre in Sachen Turnen, Geselligkeit und Sport. Das sind inzwischen auch Blicke und Schritte über regionale oder nationale Grenzen, in viele Europäische Staaten, unter ihnen auch die ehemalige DDR, sowie nach Amerika. Mit viel Beifall und Sympathie wird das Auftreten von Seligenstädtern aller Generationen im In- und Ausland aufgenommen. Wohin sie auch kamen, haben sie ihrer alten Heimatstadt und Hort eines großen historischen und kulturellen Erbes Ehre gemacht.

Längst ist aus der rein Seligenstädter Vereinsfamilie, zu der auch heute noch heimische Juden wie die Kleeblatts zählen (noch gerne besucht der einstige Turner Kurt Kleeblatt die aus New York die alte Heimat und die Freunde), auch ein internationaler Treff für Ausländer, für ganze Gastarbeiterfamilien geworden. Heute, nach der Jahrtausendwende, können die Mitglieder und Freunde der TGS mit Fug und Recht sagen, sie hätten viele Tiefen und Höhen des 20. Jahrhunderts miterlebt, und das nicht immer nur aus der Froschperspektive:
Die zahlreichen Fahrten in die Ferne haben Blick und Verstehen der Weitgereisten geschärft und vertieft.

Seligenstadt darf stolz sein, diesen großen und großartigen Verein in seinen Mauern zu wissen. Gewiss sind auch heute noch nicht alle Probleme gelöst und es kommen durch den beachtlichen Mitgliederzuwachs weitere Aufgaben auf den Verein zu. Doch er hat eine reiche Vergangenheit als Erbe und Erfahrungsschatz, hat die Gegenwart bisher bravourös gemeistert und wesentliche Zeichen für die Zukunft gesetzt.

Chronist: Alf Heppner

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